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Der Strom-Blackout in Lübeck macht nachdenklich
von Julian Marxen
Stand: 17.05.2018 13:05 Uhr - Lesezeit: ca.4 Min.

Es sind Szenen, die an einen Endzeit-Film erinnern. Bekleidungsläden, Supermärkte, Restaurants, Bäcker - alle haben geschlossen. Computer, Licht, Kassen funktionieren nicht mehr. Vier Stunden kein Strom. Vier Stunden, die die Lübecker Innenstadt am Mittwochnachmittag komplett lahmlegen. Mitarbeiter stehen mit ahnungslosen Blicken vor ihren Geschäften. Sie wissen nicht, was hier gerade passiert. Verzweifelt versuchen sie, Informationen zu bekommen. Doch Internet, Radio, Telefonleitungen sind tot. Dazu kein Handyempfang. Am Tag danach mischen sich auch viele nachdenkliche Töne in die Diskussionen. Den Lübeckern ist eindrucksvoll vor Augen geführt worden, wie abhängig Menschen von Strom und Technik sind.

 
Kurzschluss im Umspannwerk Stockelsdorf
Lust auf Mittagessen? Pech gehabt

Da war ja nicht nur die Eisdiele, die ihr Eis mangels Kühlung verschenkte. Oder der Passant, der schon bei mehreren Restaurants abgeblitzt war und wetterte: "Ich habe jetzt Lust auf ein richtiges Mittagessen. Gibt es denn hier gar nichts?!" Da war beispielsweise auch Michael Engel vom Lübecker Traditionslokal "Schiffergesellschaft", der wegen des Stromausfalls 150 Gäste aus Schweden nach Hause schicken musste. Er sagte am Mittwoch während des Blackouts: "An Kochen ist nicht zu denken, die Skandinavier fahren jetzt nach Heiligenhafen weiter, um dort etwas zu bekommen."

"Wird bald der 'Black Wednesday" sein"

Der Strom war in Ralf Schultes Restaurant nach Stunden wieder da. Das computergestützte Kassensystem ließ den Chef und sein Team jedoch verzweifeln. "Dieser Tag wird wohl als 'Black Wednesday' in die Geschichte eingehen", scherzt der Barkeeper eines Lübecker Restaurants. Und in der Tat war es ein "Schwarzer Mittwoch", was die Verluste angeht. Der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA spricht von einem geschätzten Ausfall für die Lübecker Gastronomie von bis zu 75.000 Euro. Vor allem die Außengastronomie traf es hart: "Die Herdplatten bleiben kalt, die computergestützten Kassensysteme funktionieren nicht. Bei bestem Terrassenwetter machen wir herbe Verluste. Eine Katastrophe!", stöhnte ein sichtlich niedergeschlagener Ralf Schulte. Er ist Besitzer des Restaurants "The Newport" an der Obertrave.

Toilette mit Taschenlampe: "Es reicht"

Für Arbeitgeber war es logischerweise auch alles andere als ein guter Tag. "Ohne Computer können wir nicht arbeiten. Auf die dustere Toilette können wir nur mit Taschenlampe. Es reicht. Wir machen jetzt Feierabend", sagt die Mitarbeiterin eines Start-up-Unternehmens am Mittwoch und steigt in ihr Auto. Feierabend um 14 Uhr. Was für Arbeitnehmer paradiesisch klingen mag, bedeutet für die Arbeitgeber herbe Verluste.

Beim Marzipan-Produzenten Niederegger bleiben die Bänder stehen. Beim größten Arbeitgeber Lübecks, dem Medizintechnikhersteller Dräger, können für einen halben Tag zum Beispiel keine Beatmungsgeräte oder Sensoren produziert werden. Der Schaden für die Wirtschaft dürfte insgesamt in die Hunderttausende gehen. Allein bei Lübecker Einzelhändlern ist nach Angaben des Einzelhandelverbandes Nord eine Umsatzeinbuße von etwa 500.000 Euro entstanden.

Stromausfall: Chaotischer Verkehr in Lübeck

Ein großflächiger Stromausfall hat in Lübeck auch auf den Straßen für zum Teil chaotische Verhältnisse gesorgt. Ampeln fielen aus, Polizisten mussten den Verkehr regeln.

Aber nicht nur Förderbänder und Kassensysteme stockten, auch der Verkehr in der Lübecker Innenstadt geriet mächtig ins Stocken. Der Strom legte auch sämtliche Ampeln lahm. An den Kreuzungen vor dem Holstentor versuchten Polizisten den Verkehr zu regeln. "Absolutes Chaos, kein Durchkommen", schimpfte eine junge Autofahrerin, die ihren Wagen auf einem Parkplatz abstellte. "Außerdem ist mein Tank fast leer. Ich hoffe, dass die Tankstellen nach meinem Arbeitstermin wieder geöffnet sind. Sonst muss ich wohl zu Fuß nach Hause laufen."

Andere Lübeck-Besucher kommen gar nicht erst an ihr Auto. Lilo Hagen aus Labenz im Kreis Herzogtum Lauenburg hatte ihren Wagen in einer Tiefgarage geparkt. Problem: Das Rolltor wird mit Strom betrieben. "Der Hausmeister hat letztlich dann doch noch eine Handkurbel gefunden, mit der er das Tor öffnen konnte." Auf Muskelkraft ist Verlass.

Normalität am Tag danach - zumindest fast

Am Tag danach läuft in Lübeck alles wieder seinen Gang. Die Unternehmen fahren ihre Systeme hoch. Die Geschäfte haben wieder ganz normal geöffnet. Alles ist fast so wie immer. Fast. Denn bei den Supermärkten füllen sich die Mülltonnen. Gekühlte oder gefrorene Produkte müssen weggeworfen werden. Die Kühlkette wurde immerhin für mehrere Stunden unterbrochen. 

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