Die kleinste Hauptstadt Europas wird Kulturhauptstadt 2018. Ein Vorbesuch in Valletta.

Es ist voll. Autos hupen und stauen sich bis in die Hauptstadt. Wer nach Valletta will, muss das tägliche Verkehrschaos einplanen.

Kritikerin und Anklägerin: Beruf wird Journalistin zum Verhängnis.


Taxifahrer Toni nimmt es gelassen: "Das ist normal, eine halbe Stunde steht man immer im Stau." Ich nehme es auch gelassen, denn das Taxameter tickt nicht.

Wer auf Malta Taxi fährt, bezahlt einen Festpreis, egal, wie lange die Fahrt dauert.

Toni ist das nicht egal, er muss die Kosten wieder rausholen und fährt wie in US-amerikanischen Verfolgungsfilmen: Reiht sich mit voller Beschleunigung in knappe Lücken ein, bremst ab, drängelt sich auf die Überholspur - Taxifahren in Valletta zeigt sich als echter Nervenkitzel.

Umso schöner ist die Ankunft in der maltesischen Hauptstadt: Nur wenige Taxen sind im Straßenbild zu sehen, stattdessen klappern Kutschen über das Pflaster.

Hektik und Enge sind verschwunden und weiter Blick macht sich breit. Ein Kreuzfahrtschiff verlässt gerade unter dumpfen Hupen das Terminal.

Gegenüber ragen Landzungen wie Finger ins Meer, über und über mit ockergelben Häusern bebaut.

Dieser ockerfarbene Kalksandstein ist typisch maltesisch, war er lange Zeit neben der Salzgewinnung einziger Rohstoff der Insel.

Malta im Aufschwung

Heute ist Tourismus der stärkste Wirtschaftszweig auf Malta. In einer Zeit, in der viele Sonnenziele aus politischen Gründen als Reiseziel wegfallen, erfährt Malta einen enormen Aufschwung.

So erklärt der Reiseveranstalter Thomas Cook auf seiner Pressekonferenz einen Anstieg der Buchungen von 50 Prozent. Das Tourismusbüro zählt in 2017 einen Zuwachs von 20 Prozent mehr Gästen allein aus Deutschland.

"Malta gehört zu den Gewinnern des Jahres", vermeldet Stefanie Berk, Geschäftsführerin von Thomas Cook Europa.

Wie viele vermuten, werden die Zahlen im nächsten Jahr noch mehr ansteigen, weil Valletta Europäische Kulturhauptstadt sein wird.

Derzeit ist Malta aber noch wegen anderer Vorfälle in den Schlagzeilen, dort wurde Mitte Oktober die Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe ermordet.

In ihrem Blog hatte sie auch Zusammenhänge zwischen Korruption, Geldwäsche und den maltesischen Politikern hergestellt. "Ein Einzelfall", meint Carlo Micallef von der Tourismusbehörde. Als offizieller Vertreter kann er auch nichts anderes sagen.

Denn so ganz aus der Welt sind sie nicht, die Gerüchte um die mafiösen Vorgänge auf der Insel. Die Ermittlung läuft, währenddessen protestieren die Maltesen für die völlige Aufklärung des Falls.

In der Innenstadt von Malta liegen Blumen vor dem Bild der Bloggerin, noch immer halten Menschen davor inne. Auch Stadtführer Alfred führt unsere Gruppe dorthin und erwähnt den Vorfall.

Doch dann lenkt er schnell seine Aufmerksamkeit auf das kommende Jahr, wenn Valletta viele Besucher als Europäische Kulturhauptstadt anlockt.

Der Guide führt uns zunächst zu den Barrakka Gardens, die wie ein luftiger Innengarten hoch über dem Hafen liegen.

Sie gehören zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der maltesischen Hauptstadt, nicht nur, weil sie ein seltenes Stückchen Grün in dem Häusermeer sind, sondern auch, weil hier jeden Tag um 12 Uhr Kanonenschüsse abgegeben werden.

"Einst dienten sie als Zeitangabe, damit die Seeleute ihre Uhr stellen konnten", erklärt Alfred. Und so geben sie der quirligen Stadt bis heute ihren Takt.

Gewirr enger Gassen

Wer sich von der grünen Oase weiter gen Stadt treiben lässt, kommt automatisch in das Gewirr enger Gassen, angelegt wie eine Festungsstadt mit rechtwinkligen Straßen.

Valletta wurde im Jahr 1566 an strategisch günstiger Stelle angelegt, denn die Landzunge Monte Sciberras ist gleich von zwei Naturhäfen umgeben: Grand Harbour und Marsamxett Harbour sind die größten, natürlichen Häfen des Mittelmeeres und noch heute ein beliebtes Ziel, etwa für Kreuzfahrtschiffe, aber auch für luxuriöse Motor- und Segelyachten.

Wo Seeleute sind, wird nicht nur gefeiert, da lebt leichtes Leben auf. Auch in Malta war es so. Das einstige Rotlichtviertel in der Strait Street hat sich wie in vielen anderen Städten auch längst in eine Szenemeile verwandelt, in der man gerne abends sein maltesisches Bier trinkt und Kleinigkeiten nascht.

Diese Straße wird neben dem MUZA, dem neuen Museum, das zum Beginn der Kulturhauptstadt 2018 eingeweiht werden soll, Hauptbühne für die Events der Veranstaltung sein.

Das Manoel-Theater, das zu den ältesten Bühnen Europas gehört, ist ebenso in das Programm eingebunden wie die Plätze und Palazzi, die die Stadt säumen.

Zu den prächtigsten Gebäuden gehört sicherlich der Großmeisterpalast mit seinem stattlichen Hof, der bis heute Sitz des Staatspräsidenten ist.

Ob Regierungspalast, Gericht oder St.-Johns-Co-Kathedrale - es bleibt genug zu sehen, denn das UNESCO-Weltkulturerbe Valletta ist wie ein großes Freilichtmuseum, bei dem man immer wieder auf herrliche Panoramapunkte über dem Mittelmeer stößt.

Geschichte der Ritter

In den Gassen bieten kleine Stände Obst und Gemüse an, Straßenkünstler spielen weiße Violine oder machen Pantomime und beleben vor dem offiziellen Start der Kulturhauptstadt das Bild - immer begleitet von vielen Besuchern, die hier eisschleckend durch die Gassen ziehen.

Bildergalerie starten

Malta: Ein Geflecht aus engen Gassen

In der kleinsten Hauptstadt Europas werden die Bürgersteige schon lange nicht mehr um 18 Uhr hochgeklappt.

Sie erspüren die Historie, die Geschichte von Rittern und Festungen, die bis heute prominent auf der Insel sichtbar sind.

Ob in Form des achteckigen, Malteser Kreuzes oder als Rüstungen in den Museen, überall erinnern sie daran, dass die Insel mehr als 250 Jahre lang fest vom Orden der Malteser beherrscht worden ist.

Forts, Bastionen, Türme und prächtigen Schmuck aus Silber und Gold finden sich hier, aber auch das Krankenhaus Sacra Infermeria aus dem späten 16. Jahrhundert, eines der ersten Hospitäler seiner Zeit in Europa.

Galt Valletta noch vor einigen Jahren abends als ausgestorben, weil die angrenzenden Orte St. Julian's und Paceville mit den zumeist jugendlichen Sprachschülern bis in die Morgenstunden feierten, hat sich das Partyleben der Hauptstadt in den letzten Jahren belebt.

"Bei uns werden nicht mehr die Bürgersteige um 18 Uhr hochgeklappt", verspricht Alfred. Und auch Sean Berg, von der ausführenden Kulturhauptstadt-Organisation Valletta 2018, meint: "Zur Kulturhauptstadt 2018 werden wir das machen, was Malta am besten kann: Die Festa feiern", verspricht er.

Andrea Lammert ist Journalistin und bloggt auf www.indigo-blau.de. Als Autorin arbeitet sie für verschiedene Verlage und schreibt für Tageszeitungen und Magazine.


Comments

Leave a Reply