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Mit einem widerlichen Flatschen landet die rotbraune Spucke neben meinen nackten Füßen. Dabei dachte ich immer, dass Mönche keine Drogen nehmen. Immerhin hat das Gewand des Mannes fast genau dieselbe Farbe wie das, was er da gerade auf den Boden "seines" Tempels gespuckt hat. Der Mann kaut Betel, ganz klar.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in meinem Hotelzimmer in Yangon, der größten Stadt von Myanmar. Aus dem Fenster kann ich trotz des Smogs kilometerweit die Pyay Road in Richtung Norden verfolgen. Fast bis zum Inya Lake, an dem Aung San Suu Kyi, die politische Führerin des Landes, ein Haus hat.

Erstmals in der Geschichte: Der Papst in Myanmar

Natürlich bin ich nicht der einzige Ausländer hier in dem Ort, der früher Rangun hieß und der einmal die Hauptstadt von Birma war. Neben mir sind vermutlich Tausende von Touristen im Land und Hunderte von ausländischen Geschäftsleuten. Und vorgestern ist auch der Papst hier angekommen.

Es ist der erste Besuch eines Papstes in dem lange abgeschotteten Land zwischen China und dem Golf von Bengalen. Rund 1.600 Jahre (etwa so lange gibt es Päpste) hat es das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht in diese Region geschafft.

Einen Teil des Tages habe ich auf dem Gelände der Shwedagon-Pagode hier in Yangon verbracht. Diese Pagoden-Anlage gehört zu den größten und bedeutendsten Sakralbauten der buddhistischen Welt. In ihr gibt es eine der wichtigsten Stupas überhaupt. Mitten in der Stadt glänzt das angeblich über 2.500 Jahre alte Bauwerk golden im Sonnenlicht.

Auf Socken? Nein, das geht nicht!

Wie bei vielen religiösen Anlagen unterschiedlicher Glaubensrichtungen üblich, muss man auch vor dem Betreten der Shwedagon Pagode seine Schuhe ausziehen. Nach den bisher gemachten Erfahrungen in dieser und anderen Pagoden wollte ich diesmal zumindest meine Socken gerne anbehalten. Doch ich hatte in meine Überlegungen den Mönch am Eingang nicht einbezogen.

"Not possible!", beschied er mir. "No shoes, no socks. To protect our Buddha!", spricht es und rotzt mir seine betelgefärbte Spucke vor die Füße. Natürlich garantiert drogenfrei als buddhistischer Mönch.

Und schon geht der Hindernislauf los. Immer drumherum um die schillernden, rostrot glänzenden Pfützen auf dem blankpolierten Marmorboden. Links herum natürlich - anders geht es nicht. Das ist vielleicht wie mit linksdrehendem Joghurt. Rum um die Stupa und die diversen kleinen Schreine. Aber immer aufpassen. Die Betelspucke lauert überall und öfter als einmal am Tag kann man die riesige Fläche kaum reinigen. An der Ecke sitzt ein Mönch mit Handy am Ohr und sabbert rotbraun aus dem Mundwinkel.

Unermesslicher Reichtum und elende Armut - alles unter einem Dach

Am Morgen desselben Tages habe ich mal wieder ein Bettelkommando (nicht: Betelkommando) der buddhistischen Mönche beobachtet. Voran läuft ein 13 oder 14 Jahre alter Junge, der die Glocke schwingt, um auf die ihm folgenden Spendeneinsammler aufmerksam zu machen.

Das sind acht oder zehn Mönche mit tönernen Gefäßen unter dem Arm. Sie gehen von Stand zu Stand, von Laden zu Laden und fragen nach der "Milden Gabe". Ebenso wie ich das früher auch schon in Vietnam beobachtet habe. "Die müssen das machen, um an Nahrung zu kommen", sagt mir meine örtliche Betreuerin.

Und ich denke mir: Wär' doch gar nicht nötig, wenn die mal für fünf Minuten weltlich denken und logisch handeln würden. Eigentlich strotzt dieses Land vor Reichtum - wie so viele andere. Nach offiziellen Angaben sind an der Shwedagon Pagode "mindestens" 60 Tonnen Gold verbaut worden.

Der Führer in der Pagode sagt, das sei völliger Unsinn und es würde da eine Null fehlen - macht nichts. Gehen wir von 60 Tonnen Gold aus. Das hat einen Marktwert von rund 2,5 Milliarden Euro. Nun gibt es aber alleine hier in Burma rund 400 Pagoden. Alle mit echtem Gold. Nicht so viel, wie bei der Shwedagon - aber immerhin. Da sitzen also männliche und weibliche Mönche auf einem geschätzten Gold-Vermögen von fünf bis 15 Milliarden Euro. Alleine hier im Land.

Allein mit dem Verkauf des Diamanten könnte man Krankenhäuser und Schulen bauen

Aber alles ist das noch nicht. In der Spitze der Stupa steckt ein einzelner Diamant mit einem Gewicht von 76 Karat. Darunter weitere kleinere Diamanten mit einem Gesamtgewicht von 278 Karat. Wert? Kaum ermittelbar.

Ich gebe es zu: Alleine die Erzdiözese Köln verfügt über ein Vermögen von rund drei Milliarden Euro. Aber in Köln gibt es funktionierende Krankenhäuser, gute Schulen, eine funktionierende Verwaltung und deutlich weniger Armut als in Myanmar.

Das Bildungssystem hier im Lande ist mit großem Abstand "westlichen" Standards hinterher. Die Zahl der weiterführenden Schulen ist so niedrig, dass die Landbevölkerung kaum Chancen auf mehr als fünf Jahre Grundschule hat. Krankenhäuser? Nein, derzeit gibt es kein Geld. Da muss Hilfe aus dem Ausland kommen. Verkehrsinfrastruktur? Das, was vor über 70 Jahren die Briten gebaut haben, als Burma noch ihre Kolonie war, ist ja auch nicht so schlecht.

In Myanmar kann man für weniger als eine Million Euro eine großartige Mittel- oder Oberschule bauen.

Menschen jubeln ihm zu - und nur wenige davon dürften Katholiken sein

Nun also der Papstbesuch im ehemaligen Burma. Nur rund ein Prozent der 50 Millionen Einwohner gehören der katholischen Kirche an. Trotzdem scheint Franziskus hier überaus willkommen zu sein. Entlang der großen Straßen hängen Fahnen, auf denen er als Papst der Liebe und des Friedens bezeichnet wird.

Ich bin kein Katholik, nicht einmal Christ. Doch finde ich es großartig, dass dieser Papst ein konfliktbeladenes Land wie Myanmar besucht. Ohnehin scheint mir Franziskus ein ziemlich politischer Mensch zu sein und mit beiden Füßen fest auf dem Boden (der Tatsachen) zu stehen.

Was mich ärgert, und was auch ein Grund für diesen Blog ist, ist die Tatsache, dass manche Religionen es sich wohl zur Aufgabe gemacht haben, möglichst große Werte anzuhäufen.

Echte Seidenteppiche auf 10.000 Quadratmetern

In Indonesien zum Beispiel: Für die armen Seeleute, deren Seele derzeit bedroht ist. Eine Moschee, direkt am Hafen, nigelnagelneu und hypermodern - eben eine echte HighTech-Moschee. Doch den verwöhnten Seemann kann man ja keinesfalls auf Auslegeware aus dem Baumarkt seine Verbeugungen machen lassen. Da müssen dann schon handgeknüpfte Seidenteppiche her, geschätzt 10.000 Quadratmeter.

Auch im Islam wird also geprotzt und schier unermesslicher Reichtum hin- und hergeschoben. Moscheen in Indonesien, Pakistan oder anderswo dürfen schonmal ein paar Hundert Millionen kosten. Und dort geht es der Bevölkerung womöglich noch schlechter als in dem sich rapide entwickelnden Myanmar.

Es ist für mich immer wieder spannend, Katholiken, Moslems und Buddhisten auf diesen erstaunlichen Widerspruch zwischen "steinreicher" Religion und bettelarmer Bevölkerung anzusprechen. Und eine der Antworten, die ich immer wieder höre, lautet, dass "die Anderen Schuld sind".

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Myanmar: Ein Land der Gegensätze

Prunkvoll verzierte Wände, goldene Statuen und Seidenteppiche: In Tempeln von Myanmar regiert der Luxus. Abseits der Religion leben die Menschen in bitterer Armut.

Wie im Kindergarten: Schuld ist immer der Andere

Spricht man einen Katholiken an, wird er mit großer Sicherheit darauf hinweisen, dass die Protestanten noch viel schlimmer sind und alles zum Wohle der Menschen sei. Redet man mit einem Sunniten, sind die Schiiten die bösen Menschenverächter und beschwert man sich bei einem Buddhisten über die ungerechte Verteilung der Reichtümer, dann ist zu hören, dass es so viele buddhistische Zweige gäbe und der eigene sei völlig anders und würde niemals den Bedürftigen das Geringste vorenthalten.

Und grundsätzlich ist natürlich die eigene Religion immer die friedlichste und Kriege gehen ausschließlich immer von den Anderen aus.

Was ist das für ein haarsträubender Unsinn. Die Geschichte beweist es. Doch was soll ich damit anfangen?

Ich wünsche mir, dass endlich jeder Mensch anfängt, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und sich nicht mehr in seine Religion zu flüchten. Wer sie braucht, sollte sie behalten, sollte sich Hilfe in seinem Glauben suchen. Gerne so oft und so lange er will. Jeder nach seiner Fasson. Aber bitte nicht zu Lasten Anderer.

Und was die Spuckerei angeht, so helfen womöglich nur drastische Strafen nach dem Vorbild von Singapur.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.


Comments

  1. Harald Lehmann

    Ich glaube in jeden Land auf dieser Welt giebt es reiche und arme Menschen und wer soll das ändern ?

  2. Maik Lange

    Woher kenn ich das nur, achja aus Deutschland.

  3. Jörg Schöler

    Um arm und reich nebeneinander zu finden muss man nicht soweit reisen,dass haben wir in Deutschland auch . Und die Regierung Merkel arbeitet daran ,dass die Kluft noch größer wird !

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