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Flüchtlinge dürften nicht kaserniert werden, fordern die Kritiker der Ankerzentren. Diese Art der Unterbringung beschleunige die Verfahren, argumentieren die Befürworter. In Bayern gibt es nun sieben dieser Einrichtungen. Innenminister Horst Seehofer (CSU) will sie in ganz Deutschland installieren. Ein Besuch im schwäbischen Donauwörth, wo rund 650 Asylbewerber in einer ehemaligen Kaserne leben.

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Mustafa wohnt mit drei anderen Männern auf rund zehn Quadratmetern. Zwei Einzelbetten und ein Stockbett stehen darin, außerdem ein Regal, dazwischen ein Gang, der schon für zwei Menschen zu schmal ist. Über der Tür hängt ein Handtuch, an den Eisengestellen der Betten Hosen, T-Shirts, Boxershorts. Der untere Teil des Stockbetts ist mit einem weißen Tuch verhangen. Mustafas Mitbewohner hat sich dahinter verzogen - mehr Privatsphäre gibt es nicht.

Wer aus dem Zimmer auf den Flur tritt, der sieht ein Din-A-4-Blatt, das an der gegenüberliegenden Tür klebt. "Stop arresting us" steht darauf - hört auf, uns einzusperren.

Mustafa lebt in der Alfred-Delp-Kaserne im schwäbischen Donauwörth. Diese diente bis Ende Juli als Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber. Seit 1. August ist sie eines von sieben Ankerzentren in Bayern, die nach dem Willen von Innenminister Horst Seehofer (CSU) als Vorbild für Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland dienen sollen. Allerdings hat sich außer Sachsen noch kein anderes Bundesland bereit erklärt, ebenfalls ein Ankerzentrum einzurichten - zu groß sind die Vorbehalte.

Bis zu eineinhalb Jahre im Ankerzentrum

In Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben Flüchtlinge meist nur ein paar Wochen, maximal aber ein halbes Jahr. Spätestens dann werden sie, wenn möglich, in einer Privatwohnung untergebracht, wenn nicht, in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Anders im Ankerzentrum. Das Akronym steht für Ankunft, Entscheidung und Rückführung - sprich: diese Einrichtung darf ein Flüchtling erst verlassen, wenn sein Asylverfahren abgeschlossen ist. Bis zu 18 Monate im Ankerzentrum lässt das Gesetz zu. Ist der Bescheid negativ, wird der Asylbewerber direkt von dort aus abgeschoben.

Seehofer und sein Ministerium versprechen sich schnellere Verfahren, denn im Ankerzentrum sind alle Behörden vertreten, die an einem Asylverfahren beteiligt sind.

"Leben im Stillstand"

So auch in Donauwörth: In einer umfunktionierten Baracke gegenüber der Pforte nehmen Mitarbeiter der Regierung von Schwaben Namen, Geburtsdaten und Fingerabdrücke von neu angekommenen Flüchtlingen auf. Sie fotografieren die Männer, Frauen und Kinder und stellen ihnen eine weiße Karte mit Barcode aus. Wer einen Pass bei sich hat, muss diesen abgeben. Die weiße Karte wird zum Ersatz: Persönliche Daten, Krankenakte, alles wird darauf erfasst - auch, ob jemand zum Mittagessen in der Kantine erscheint oder ob er das Gelände verlässt.

Die Registrierung teilt sich das Gebäude mit dem Gesundheitsamt. Bis zum Haus acht, wo Vertreter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, der Diakonie und des Verwaltungsgerichts sitzen, sind es nur ein paar Minuten zu Fuß. Und auch die Zentrale Ausländerbehörde, die Bundesagentur für Arbeit und die Polizei haben auf dem Gelände ihre Dependancen.

"Allein durch die fehlenden Postlaufzeiten werden sich die Verfahren beschleunigen", sagt Frank Kurtenbach von der Regierung von Schwaben, der Leiter des Ankerzentrums. Ob er recht behalten wird? Noch ist es zu früh, um das zu beurteilen.

Zusammen mit Kurtenbach führt an diesem Vormittag Anna Lobkowicz über das Gelände. Sie leitet das Migrationsbüro der Malteser Werke für Bayern und Thüringen, das den Alltag organisiert. Sie hofft auf schnellere Verfahren. Wenn nichts vorangeht, werde die Zeit in der Einrichtung zum "Leben im Stillstand". Mehr als sechs Monate vor Ort findet sie zu viel.

Integriert wird nur, wer bleiben darf

Seit Mustafas Ankunft sind sieben Monate vergangen. Das sind über 200 Tage, von denen der 28-Jährige die meisten verbracht hat, wie er auch diesen verbringt: "Sit down, eat, finish" - herumsitzen, essen, das war's.

Im Schatten eines Baumes sitzt er im Gras und spielt auf seinem Smartphone herum. Später wird er den freiwilligen Deutschkurs besuchen, den die Malteser hier anbieten. "I speak ein bisschen Deutsch", sagt er, wechselt aber gleich wieder ins Englische. "Difficult" sei das Leben hier - schwierig.

Herauszufinden, was genau ihn belastet, ist ebenfalls schwierig. Auf eine entsprechende Nachfrage bleibt er stumm. Ob er nicht antworten kann oder nicht möchte (womöglich auch, weil Journalisten nicht aus den Augen gelassen werden und deshalb ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes das Gespräch verfolgt), bleibt offen. Fotografiert werden, so viel wird klar, will er nicht.

Mustafa stammt aus Gambia, wie viele der 655 Bewohner. Außerdem sind Nigerianer und Türken in Donauwörth untergebracht. Was die Menschen dieser drei Nationalitäten massiv unterscheidet ist ihre sogenannte Bleibeperspektive. Die besagt: Während Menschen aus der Türkei grundsätzlich gute Aussichten haben, in Deutschland Asyl zu erhalten, stehen die Chancen der Afrikaner denkbar schlecht.

"Wollen keine Illusionen machen"

Für Menschen wie Mustafa bedeutet das - ungeachtet der individuellen Fluchtgründe: Die Dienste der Bundesagentur für Arbeit stehen ihnen erst gar nicht zur Verfügung. Integriert wird nur, wer bleiben darf - das ist die Ansage. "Sonst sind die Menschen halb integriert, und es heißt: 'Wie kann der jetzt noch abgeschoben werden?'", sagt Frank Kurtenbach. Kollegin Lobkowicz formuliert es anders: "Wir wollen den Menschen keine Illusionen machen."

Lobkowicz' Ziel ist es stattdessen, das Leben der Bewohner "so konfliktarm zu gestalten, wie das bei 600 Leuten eben möglich ist". Um Ärger zu vermeiden, teilen Lobkowicz und ihr Team Menschen aus unterschiedlichen Nationen niemals Zimmer auf dem gleichen Flur zu. Für alleinstehende Frauen und ihre Kinder gibt es ein Gebäude, zu dem Männer keinen Zutritt haben. Die Malteser bemühen sich außerdem um Möglichkeiten zum Zeitvertreib: Es gibt ein Fußballfeld, einen Computerraum und einen Billardtisch. Die Bewohner können sich DVDs ausleihen. Alle drei Wochen haben sie die Gelegenheit selbst zu kochen - viele vermissen ihre landestypischen Gerichte.

Wenn Lobkowicz "so konfliktarm wie möglich" sagt, dann heißt das auch, dass Konflikte nicht ausbleiben. Kleine. Und größere. Das Anker-Zentrum war gerade drei Tage alt, da rückte die Polizei mit 250 Mann an, um Hinweisen auf "gefährliche Gegenstände" nachzugehen. Im Winter hat es Ärger gegeben, weil einzelne Bewohner am örtlichen Bahnhof betrunken Passanten anpöbelten oder mit Drogen handelten.

An diesem Vormittag ist alles friedlich. Flüchtlinge sitzen, oftmals schweigend, vor den Baracken auf Bänken oder im Gras zusammen. Eine Mutter mit Kopftuch schiebt ihre Tochter im Kinderwagen umher. Ein Vater tröstet seinen Sohn, der hingefallen ist. Im Aufenthaltsraum telefonieren Bewohner über das Handy oder den PC mit Verwandten zu Hause.

94 Euro pro Monat

In der Kantine kehren zwei dunkelhäutige Männer die Brösel vom Frühstück zusammen. 80 Cent die Stunde verdienen sie sich so dazu, genau wie Susosana aus Gambia, der nebenan in der Wäscherei Dienst schiebt: Klamotten in die Waschmaschine füllen, anschalten, ausräumen, rüber in den Trockner. Vier Stunden täglich arbeitet er hier - nicht nur des Geldes wegen, wie er sagt. Die Zeit vergehe so auch schneller.

Regulär arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht. Das Taschengeld hat der Staat zuletzt reduziert. In den Bereichen Wohnen, Verpflegung, Gesundheit, Kleidung, Hygiene und Verkehr gibt es jetzt stattdessen Sachleistungen. Statt 131 Euro werden einem Alleinstehenden 94 Euro pro Monat ausgezahlt.

Vergleichsweise viel ist für die Jüngeren geboten. Neben einer Grund- und einer Mittelschulklasse gibt es einen Kindergarten, in den nach Unterrichtsschluss auch die Schulkinder bis zum Alter von zwölf Jahren kommen dürfen. Dort sind die Wände lilafarben, gelb, rosa und hellblau, nicht weiß-verdreckt wie überall sonst. Das Zimmer ist mit bunten Papp-Girlanden, Postern und Basteleien geschmückt, "Willkommen" steht in verschiedenen Sprachen auf einem von Handabdrücken gesäumten Plakat.

Die Bewohner bleiben unter sich

Vor der Tür gibt es einen Sandkasten, fünf Kinder haben sich dort um die Betreuerin geschart. Für gewöhnlich kommen zehnmal so viele, doch an diesem Tag hat das islamische Opferfest begonnen, ein hoher Feiertag, der mit der Familie begangen wird.

Zur religiösen Bedeutung des Tags kommt für die Muslime in der Einrichtung noch etwas hinzu: Wie bei den Christen zu Weihnachten ist für sie zu diesem Anlass ausnahmsweise die Residenzpflicht aufgehoben. Die besagt, dass die Flüchtlinge zwar das Ankerzentrum jederzeit verlassen dürfen, nicht aber ein bestimmtes Gebiet rund um die Unterkunft. Es besteht in diesem Fall aus dem Landkreis Donauwörth sowie der Stadt und dem Landkreis Augsburg. Zum Opferfest jedoch sind ausnahmsweise Besuche bei Freunden und Verwandten in ganz Deutschland erlaubt.

An den Festen der Einheimischen haben die Asylbewerber hingegen selten teil. Findet in Donauwörth eine große Veranstaltung statt, planen die Malteser schon mal parallel eine Party in der Unterkunft, um möglichst viele Bewohner dort zu halten, wie Anna Lobkowicz durchblicken lässt.

So bleiben Mustafa, Susosana und die anderen häufig unter sich. Ihr Stück Deutschland ist ein mit Stacheldraht umzäuntes.

Verwendete Quellen:

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Eindrücke aus dem Anker-Zentrum Donauwörth

Wie sieht es in einem Anker-Zentrum aus? Fotos aus der Einrichtung im schwäbischen Donauwörth.

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